Wie Extended Reality (XR) den traditionellen Vertrieb auf den Kopf stellt und warum der deutsche Mittelstand jetzt handeln muss.
Der virtuelle Showroom: Die Revolution im B2B-Vertrieb
Stellen Sie sich vor, Ihr Vertriebsteam könnte Ihre komplexesten Maschinen, Ihre variantenreichsten Produkte, direkt im Büro des Kunden zum Leben erwecken. Nicht als dröge Powerpoint-Präsentation, nicht als Hochglanzbroschüre, sondern als begehbares, interaktives 3D-Modell in Originalgröße. Eine Fantasie? Keineswegs. Willkommen in der Ära des virtuellen Showrooms, einer Revolution, angetrieben durch die Macht der Extended Reality (XR). Während viele Führungskräfte im deutschen Mittelstand noch zögern, hat diese Technologie bereits begonnen, die Spielregeln im B2B-Vertrieb fundamental neu zu schreiben. Es ist höchste Zeit, aufzuwachen, bevor die Konkurrenz uneinholbar enteilt.
Die schleichende Krise des traditionellen Vertriebs
Seien wir ehrlich: Der klassische B2B-Vertrieb steckt in der Krise. Die Zeiten, in denen ein Außendienstmitarbeiter mit einem Koffer voller Kataloge von Kunde zu Kunde reiste, sind gezählt. Die Kosten explodieren, die Reichweite ist begrenzt und die Verkaufszyklen ziehen sich oft quälend in die Länge. Messen, einst das pulsierende Herz des B2B-Marketings, werden zu einem immer teureren und ineffizienteren Unterfangen. Gleichzeitig haben sich die Erwartungen auf Kundenseite dramatisch verändert. B2B-Einkäufer, in ihrem Privatleben an die nahtlosen digitalen Erlebnisse von Amazon und Co. gewöhnt, fordern auch im Geschäftsumfeld mehr. Sie wollen personalisierte Ansprache, interaktive Produkterlebnisse und Informationen auf Abruf – 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Die Analysten von Gartner und Forrester zeichnen ein düsteres Bild für den traditionellen Vertrieb. Gartner prognostiziert, dass bis 2025 80% aller B2B-Sales-Interaktionen über digitale Kanäle stattfinden werden. [2] Forrester geht sogar noch einen Schritt weiter und sagt voraus, dass im selben Jahr mehr als die Hälfte aller großen B2B-Transaktionen (über 1 Million US-Dollar) über digitale Self-Service-Kanäle abgewickelt werden. [3] Diese Zahlen sind ein Alarmsignal für jeden, der noch am alten Modell festhält. Der traditionelle Vertrieb kann diese Anforderungen kaum noch erfüllen. Er ist zu langsam, zu teuer und zu wenig auf den modernen Kunden zugeschnitten. Es ist ein System am Rande des Kollaps, das dringend einer Disruption bedarf.
Der virtuelle Showroom: Mehr als nur ein digitaler Zwilling
Genau hier setzt der virtuelle Showroom an. Er ist weit mehr als nur eine digitale Kopie eines physischen Ausstellungsraums. Er ist ein interaktiver, immersiver Erlebnisraum, der die Grenzen von Zeit und Raum sprengt. Stellen Sie sich vor, Ihre Kunden könnten jederzeit und von jedem Ort der Welt aus Ihre Produkte in einer fotorealistischen 3D-Umgebung erkunden, sie konfigurieren, in ihre Einzelteile zerlegen und ihre Funktionsweise live erleben. Die Vorteile liegen auf der Hand: massive Kosteneinsparungen bei Reise- und Messekosten, eine globale Reichweite ohne logistische Hürden und eine 24/7-Verfügbarkeit, die den Kunden in den Mittelpunkt stellt. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Virtuelle Showrooms ermöglichen eine nie dagewesene Personalisierung. Jeder Kunde kann eine auf seine individuellen Bedürfnisse zugeschnittene Vorführung erhalten. Und die Daten, die dabei generiert werden, sind von unschätzbarem Wert. Sie erfahren, welche Produkte den Kunden am meisten interessieren, welche Konfigurationen er bevorzugt und wo er im Entscheidungsprozess zögert. Diese Einblicke ermöglichen es dem Vertrieb, gezielt nachzufassen und die Abschlussquote signifikant zu erhöhen. Pioniere wie der Landmaschinenhersteller Ludwig Bergmann oder der Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen haben das Potenzial längst erkannt. Bergmann präsentiert seine komplexen Fahrzeuge in einem virtuellen Showroom, der es Kunden ermöglicht, jede Maschine bis ins kleinste Detail zu erkunden und zu konfigurieren. ZF nutzt XR für die virtuelle Zusammenarbeit und das Prototyping, was die Entwicklungszeiten drastisch verkürzt und die Effizienz steigert. Diese Beispiele aus dem deutschen Mittelstand zeigen: Der virtuelle Showroom ist keine ferne Zukunftsvision mehr, sondern ein handfestes Werkzeug, das heute schon Wettbewerbsvorteile schafft.
Das magische Dreieck: AR, VR und MR im Vertriebseinsatz
Hinter der Magie des virtuellen Showrooms stecken drei Schlüsseltechnologien, die unter dem Oberbegriff Extended Reality (XR) zusammengefasst werden: Augmented Reality (AR), Virtual Reality (VR) und Mixed Reality (MR). Jede dieser Technologien hat ihre eigenen Stärken und eröffnet spezifische Anwendungsmöglichkeiten für den B2B-Vertrieb.
Den Anfang macht die Virtual Reality (VR), die wohl bekannteste und immersivste der drei Technologien. Setzt ein Kunde eine VR-Brille auf, taucht er vollständig in eine computergenerierte, dreidimensionale Welt ein. Die reale Umgebung wird komplett ausgeblendet. Im B2B-Vertrieb ist dies der Schlüssel zu wahrhaft immersiven Produkt- und Markenerlebnissen. Statt eine Maschine nur auf einem Bildschirm zu sehen, kann der Kunde sie in einer virtuellen Fabrikhalle in Originalgröße umrunden, ihre Bewegungen beobachten und sogar in ihr Inneres blicken. Ein potenzieller Käufer für Windkraftanlagen kann auf die Spitze einer virtuellen Turbine klettern, um die Aussicht zu genießen und die Dimensionen zu begreifen. Die Möglichkeiten sind grenzenlos und der emotionale Eindruck ist ungleich stärker als bei jeder herkömmlichen Präsentation. VR schafft ein Gefühl der Präsenz, das Vertrauen aufbaut und komplexe Produkte greifbar macht.
Die Augmented Reality (AR) verfolgt einen anderen, aber nicht weniger wirkungsvollen Ansatz. Statt den Nutzer in eine komplett neue Welt zu versetzen, reichert AR die reale Umgebung mit digitalen Informationen und Objekten an. Die meisten Menschen haben diese Technologie bereits auf ihrem Smartphone genutzt, sei es für Spiele oder für Filter in sozialen Medien. Genau diese Niederschwelligkeit ist die große Stärke von AR im B2B-Vertrieb. Ein Kunde kann mit seinem eigenen Tablet oder Smartphone ein 3D-Modell einer neuen Produktionsanlage direkt in seine bestehende Werkshalle projizieren. Er sieht sofort, ob die Maschine passt, wo Anschlüsse benötigt werden und wie sich der Arbeitsablauf verändern würde. Ein Servicetechniker kann sich über eine AR-Brille Schritt-für-Schritt-Anleitungen oder die Position von verborgenen Bauteilen direkt auf die reale Maschine einblenden lassen, was die Fehlerquote senkt und die Effizienz steigert. AR holt das Produkt aus dem Katalog und stellt es direkt in die Welt des Kunden.
An der Spitze der technologischen Entwicklung steht die Mixed Reality (MR), die die physische und die digitale Welt nahtlos miteinander verschmelzen lässt. Mit fortschrittlichen Headsets wie der Microsoft HoloLens können Nutzer nicht nur virtuelle Objekte in ihrer realen Umgebung sehen, sondern auch mit ihnen interagieren, als wären sie physisch vorhanden. Virtuelle Objekte können von realen Objekten verdeckt werden und auf sie reagieren. Im B2B-Kontext eröffnet dies revolutionäre Möglichkeiten für die Kollaboration. Ein Team von Ingenieuren an verschiedenen Standorten weltweit kann sich um ein und dasselbe virtuelle 3D-Modell eines Prototyps versammeln, es gemeinsam bearbeiten, Anmerkungen machen und Designentscheidungen in Echtzeit treffen. Bei der Planung komplexer Anlagen können Architekten, Ingenieure und Kunden gemeinsam durch ein virtuelles Modell des Gebäudes gehen, das über die reale Baustelle projiziert wird. MR ist das ultimative Werkzeug für die kollaborative Produktentwicklung und -planung und wird die Art und Weise, wie wir im Team arbeiten, nachhaltig verändern.
Weckruf für den Mittelstand: Die XR-Revolution wartet nicht
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die deutsche XR-Branche boomt. Eine Studie der TH Köln aus dem Jahr 2022 beziffert die Anzahl der XR-Unternehmen in Deutschland auf über 1.600, mit einem Gesamtumsatz von bis zu 550 Millionen Euro – ein Plus von rund 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. [1] Und der mit Abstand größte Treiber dieses Wachstums ist der B2B-Sektor. Fast 92 Prozent der deutschen XR-Unternehmen haben einen klaren B2B-Fokus. [1] Die wichtigsten Kundenbranchen sind das verarbeitende Gewerbe, insbesondere die Automobilindustrie und der Maschinenbau. [1] Das Potenzial ist also riesig, und die Technologie ist reif. Doch während die Industrie die Chancen erkennt, verharrt ein Großteil des deutschen Mittelstands noch in einer abwartenden Haltung. Die Gründe sind vielfältig: hohe Investitionskosten, fehlendes Know-how und die Sorge vor mangelnder Akzeptanz bei Mitarbeitern und Kunden. Doch diese Hürden sind überwindbar. Die Kosten für XR-Hardware sinken kontinuierlich, und es gibt eine wachsende Zahl von spezialisierten Dienstleistern, die den Mittelstand bei der Implementierung unterstützen. Die entscheidende Frage ist nicht, ob sich XR im B2B-Vertrieb durchsetzen wird, sondern wann. Wer jetzt nicht handelt, riskiert, den Anschluss zu verlieren und von agileren Wettbewerbern überholt zu werden. Es ist ein Weckruf an die Geschäftsführer und Führungskräfte: Sehen Sie die Investition in XR nicht als Kostenfaktor, sondern als strategische Investition in die Zukunftsfähigkeit Ihres Unternehmens.
Die Zukunft des Vertriebs ist hybrid – und sie beginnt jetzt
Die Reise hat gerade erst begonnen, doch die Richtung ist klar. Der virtuelle Showroom ist keine Bedrohung für den persönlichen Vertrieb, sondern seine logische und notwendige Weiterentwicklung. Die Zukunft des Vertriebs ist hybrid – eine intelligente Verschmelzung von physischen und virtuellen Begegnungen, die das Beste aus beiden Welten vereint. Der Außendienstmitarbeiter wird nicht verschwinden, aber seine Rolle wird sich fundamental wandeln. Er wird vom reinen Verkäufer zum strategischen Berater und Moderator, der den Kunden durch immersive Produkterlebnisse führt und ihm dabei hilft, die beste Lösung für seine individuellen Herausforderungen zu finden. Die persönliche Beziehung bleibt entscheidend, aber sie wird durch digitale Werkzeuge auf ein neues Level gehoben.
Und die Entwicklung geht noch weiter. Stellen Sie sich vor, künstliche Intelligenz (KI) analysiert in Echtzeit das Verhalten der Besucher in Ihrem virtuellen Showroom, erkennt deren Bedürfnisse und gibt Ihrem Vertriebsteam präzise Empfehlungen für das nächste Gespräch. Oder denken Sie an das Metaverse, eine persistente, vernetzte virtuelle Welt, in der Ihr Unternehmen nicht nur einen Showroom, sondern einen permanenten, digitalen Firmensitz hat, an dem Kunden, Partner und Mitarbeiter aus der ganzen Welt zusammenkommen. Das mag heute noch wie Zukunftsmusik klingen, aber die technologischen Bausteine dafür werden bereits heute gelegt. Der virtuelle Showroom ist der erste, entscheidende Schritt in diese neue Ära des Vertriebs. Ein Schritt, den der deutsche Mittelstand nicht nur beobachten, sondern jetzt mutig gehen muss. Denn in der digitalen Transformation gilt mehr denn je: Wer zu spät kommt, den bestraft der Markt.
Redaktion manager review
Referenzen [1] Zabel, C., Heisenberg, G., & O'Brien, D. (2022). EXTENDED / CROSS REALITY (XR) IN DEUTSCHLAND 2022. TH Köln. Abgerufen von https://medien.nrw/wp-content/uploads/sites/8/2022/10/XR-Studie-DE-2022_final_screen.pdf
[2] Gartner. (2020, September 15). Gartner Says 80% of B2B Sales Interactions Between Suppliers and Buyers Will Occur in Digital Channels. Abgerufen von https://www.gartner.com/en/newsroom/press-releases/2020-09-15-gartner-says-80--of-b2b-sales-interactions-between-su [3] Forrester. (2024, October 22). Forrester’s B2B Marketing & Sales Predictions 2025. Abgerufen von https://www.forrester.com/press-newsroom/forrester-predictions-2025-b2b-marketing-sales/
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