Die neue Lieferketten-Weltordnung: Was der Mittelstand jetzt lernen muss
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Die neue Lieferketten-Weltordnung: Was der Mittelstand jetzt lernen muss

Redaktion manager review
29. Januar 2026
7 Min. Lesezeit

In einer Welt permanenter Krisen wird die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Die EU gibt die Richtung vor – doch die Umsetzung liegt bei den Unternehmen.

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Die neue Lieferketten-Weltordnung: Was der Mittelstand jetzt von der EU lernen muss

In einer Welt permanenter Krisen wird die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Die EU gibt die Richtung vor – doch die Umsetzung liegt bei den Unternehmen. Ein Leitfaden für den Mittelstand.

Haben Sie das Rauschen des nahenden Tsunamis gehört? Es ist kein Tsunami aus Wasser, sondern aus Unsicherheit. Eine Welle, die sich aus einer globalen Pandemie, geopolitischen Verwerfungen, einem Krieg in Europa und einer Energiekrise speist und mit voller Wucht auf die fein austarierten Lieferketten des deutschen Mittelstands trifft. Jahrelang auf maximale Effizienz und Kostensenkung getrimmt, erweisen sich die globalen Wertschöpfungsnetzwerke nun als Achillesferse der deutschen Wirtschaft. Die Folge: Produktionsstopps, explodierende Kosten und verärgerte Kunden. Resilienz, das oft belächelte Modewort, ist zur knallharten Notwendigkeit geworden. Es ist nicht mehr die Frage, ob die nächste Krise kommt, sondern nur noch wann. Und wer dann nicht vorbereitet ist, wird untergehen.

Europas Weckruf: Die EU-Strategie für wirtschaftliche Sicherheit

Brüssel hat den Weckruf gehört. Als direkte Reaktion auf die schmerzhaften Erfahrungen der letzten Jahre hat die Europäische Kommission eine umfassende „Strategie für wirtschaftliche Sicherheit“ [2] vorgelegt. Ein Weckruf, der auch im letzten Winkel des deutschen Mittelstands gehört werden sollte. Denn die Strategie ist weit mehr als nur ein weiteres bürokratisches Papier aus Brüssel. Sie ist eine grundlegende Neuausrichtung der europäischen Wirtschaftspolitik und ein klares Signal: Der Schutz der eigenen Wirtschaft und die Verringerung kritischer Abhängigkeiten haben nun oberste Priorität.

Die EU identifiziert vier zentrale Risikobereiche, die es zu managen gilt: die Resilienz der Lieferketten, die Sicherheit kritischer Infrastruktur, die Technologiesicherheit und den Schutz vor wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen. Um diesen Risiken zu begegnen, setzt die Union auf einen Dreiklang aus der Stärkung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit, dem Schutz der wirtschaftlichen Sicherheit durch gezielte Instrumente und der Zusammenarbeit mit internationalen Partnern. Für den Mittelstand bedeutet das vor allem eines: Die Zeit des reinen Effizienzdenkens ist vorbei. Die EU schafft den Rahmen und wird zukünftig genauer hinschauen, doch die eigentliche Arbeit muss in den Unternehmen geleistet werden. Es geht um eine neue Denkweise, eine strategische Neuausrichtung, bei der die Widerstandsfähigkeit der eigenen Lieferkette zum zentralen Wettbewerbsfaktor wird.

Der Mittelstand im Stresstest: Zahlen, die alarmieren

Wie dramatisch die Lage bereits ist, zeigen aktuelle Zahlen der KfW-Bankengruppe [4]. Fast jedes zweite kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in Deutschland war zuletzt von Lieferengpässen betroffen. Besonders hart trifft es das Verarbeitende Gewerbe, den Bau und den Handel. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Im September 2022 sahen sich vier von fünf Mittelständlern (81%) mit mindestens einer von drei existenziellen Herausforderungen konfrontiert: Lieferengpässe, explodierende Energiekosten oder massive Umsatzrückgänge. Ein Drittel der Unternehmen kämpfte sogar mit zwei, ein Fünftel mit allen drei Problemen gleichzeitig.

Die abstrakten Risiken, die die EU in ihrer Strategie beschreibt, sind für den deutschen Mittelstand längst bittere Realität. Materialknappheit führt zu Produktionsstillständen, Preissteigerungen fressen die Margen auf und die Nichteinhaltung von Lieferterminen beschädigt das über Jahre aufgebaute Vertrauen der Kunden. Die Krise ist da, und sie trifft das Herz der deutschen Wirtschaft mit voller Wucht.

Die Vorreiter: Was man von den Besten lernen kann

Doch während viele noch mit den Folgen der Disruptionen kämpfen, haben einige Unternehmen die Zeichen der Zeit erkannt und ihre Lieferketten radikal umgebaut. Sie sind die Vorreiter der neuen, resilienten Weltordnung und zeigen, wie es gehen kann. Ein Blick auf die Praxisbeispiele, die SAP [3] zusammengetragen hat, liefert wertvolle Impulse.

Ein Paradebeispiel aus Deutschland ist die Smart Press Shop GmbH & Co. KG, ein Joint Venture von Porsche und dem Pressenhersteller Schuler. Das Unternehmen hat seine Produktion von Karosserieteilen von Anfang an auf eine radikale Digitalisierungs- und Cloud-Strategie gesetzt. Das Ergebnis: eine hundertprozentige Rückverfolgbarkeit vom Rohstoff bis zum fertigen Karosserieteil und eine komplett papierlose Produktion. Diese Transparenz ermöglicht es dem Unternehmen, bei Störungen sofort zu reagieren und die Produktion flexibel zu steuern.

Auch außerhalb Deutschlands finden sich inspirierende Beispiele. Der südkoreanische Möbelhändler Zinus Inc. hat seine tabellenbasierte Planung durch ein integriertes, cloudbasiertes System ersetzt. Dies ermöglicht nicht nur automatisierte Prognosen und Echtzeitsimulationen, sondern fördert auch die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit auf einer zentralen Datenplattform. Entscheidungen können so schneller und auf einer solideren Datenbasis getroffen werden.

Der peruanische Energieversorger Kallpa Generación S.A. wiederum nutzt ein skalierbares Cloud-ERP-System mit integrierter Künstlicher Intelligenz, um nicht nur sein Wachstum zu beschleunigen, sondern auch die immer komplexeren Compliance-Anforderungen zu erfüllen. Das Ergebnis ist eine um 40 Prozent gesteigerte Effizienz in der Auftragsabwicklung, gepaart mit maximaler Transparenz und Rückverfolgbarkeit.

Diese Beispiele zeigen: Die Gewinner der neuen Ära haben gemeinsame Erfolgsfaktoren. Sie setzen auf radikale Digitalisierung, schaffen maximale Transparenz in ihren Lieferketten, treffen Entscheidungen datengetrieben und fördern die Kollaboration – intern wie extern.

Vom Wissen zum Handeln: Ihr 5-Punkte-Plan für eine kugelsichere Lieferkette

Die Erkenntnisse aus der EU-Strategie und den Praxisbeispielen lassen sich in einem konkreten 5-Punkte-Plan für den Mittelstand zusammenfassen. Ein Plan, um die eigene Lieferkette nicht nur zu reparieren, sondern sie für die Zukunft zu wappnen und in einen strategischen Vorteil zu verwandeln.

  1. Transparenz schaffen: Sie können nicht managen, was Sie nicht sehen. Der erste und wichtigste Schritt ist die Schaffung einer End-to-End-Transparenz über Ihre gesamte Lieferkette. Kennen Sie Ihre Lieferanten? Und die Lieferanten Ihrer Lieferanten (Tier-2, Tier-3)? Moderne Plattformen und Technologien ermöglichen heute eine nie dagewesene Sichtbarkeit.

  2. Diversifizieren & Regionalisieren: Die Konzentration auf einen einzigen Lieferanten oder eine einzige Region ist ein Rezept für eine Katastrophe. Reduzieren Sie strategische Abhängigkeiten, indem Sie Ihren Lieferantenstamm diversifizieren. Prüfen Sie ernsthaft Optionen wie Nearshoring (Verlagerung in nahegelegene Länder) oder sogar Reshoring (Rückverlagerung der Produktion), um die Kontrolle zu erhöhen und Transportrisiken zu minimieren.

  3. Redundanzen aufbauen: Effizienz ist wichtig, aber Robustheit ist überlebenswichtig. Bauen Sie gezielt Redundanzen auf. Das können strategische Sicherheitsbestände für kritische Komponenten sein, aber auch der Aufbau alternativer Produktionskapazitäten oder die Qualifizierung von Zweitlieferanten. Diese Puffer kosten Geld, sind aber eine überlebenswichtige Versicherung gegen den nächsten Schock.

  4. Digitalisieren & Automatisieren: Die Praxisbeispiele zeigen es deutlich: Ohne Technologie geht es nicht. Investieren Sie in intelligente Produktionslösungen, Cloud-Plattformen für die Kollaboration und KI-gestützte Planungstools. Die Automatisierung von Prozessen reduziert nicht nur die Kosten, sondern erhöht auch die Geschwindigkeit und Präzision Ihrer Lieferkette.

  5. In Menschen investieren: Am Ende sind es immer die Menschen, die den Unterschied machen. Qualifizieren Sie Ihre Mitarbeiter für die neuen, digitalen Anforderungen. Schaffen Sie eine Unternehmenskultur, die Risikobewusstsein, Agilität und proaktives Handeln fördert. Eine resiliente Organisation braucht resiliente Mitarbeiter.

Ausblick: Die resiliente Organisation als Zukunftsmodell

Die Schaffung einer resilienten Lieferkette ist weit mehr als ein reines Logistik-Thema. Es ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer resilienten Organisation. Einer Organisation, die in der Lage ist, Schocks nicht nur zu absorbieren, sondern aus ihnen zu lernen und gestärkt aus Krisen hervorzugehen. Der Wandel von einer rein auf Effizienz getrimmten, fragilen Organisation hin zu einem anpassungsfähigen, robusten und lernenden System – das ist die eigentliche Revolution, die hinter dem Schlagwort Industrie 5.0 steckt. Die Unternehmen, die diesen Wandel jetzt gestalten, werden die Gewinner von morgen sein.


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Referenzen

[1] Prognos AG. (2022). Resiliente Lieferketten in der EU. Abgerufen von https://www.prognos.com/de/projekt/resiliente-lieferketten-der-eu

[2] Europäische Kommission. (2023). GEMEINSAME MITTEILUNG AN DAS EUROPÄISCHE PARLAMENT, DEN EUROPÄISCHEN RAT UND DEN RAT ÜBER EINE „EUROPÄISCHE STRATEGIE FÜR WIRTSCHAFTLICHE SICHERHEIT“. Abgerufen von https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:52023JC0020

[3] SAP News. (2023). Wie mittelständische Unternehmen für mehr Resilienz und Nachhaltigkeit in der Lieferkette sorgen. Abgerufen von https://news.sap.com/germany/2023/05/mittelstand-resilienz-lieferkette/

[4] KfW Research. (2023, Januar). Lieferengpässe im Mittelstand addieren sich zu hohen Energiekosten und Umsatzrückgängen (Volkswirtschaft Kompakt, Nr. 229). Abgerufen von https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-Volkswirtschaft-Kompakt/One-Pager-2023/VK-Nr.-229-Januar-2023-multiple-Krisen.pdf

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ResilienzLieferketteMittelstandEU-StrategieIndustrie 5.0